
Auf „Tuchfühlung“ mit der Geschichte – Exkursion des Leistungskurses Geschichte, MSS 12
Logbucheintrag vom 01.07.2024 (Annamaria Lienkamp)
Zeitzone: GMT+2
Koordinaten: 49° 44 ́ 37,974 ́ ́ / 6° 41 ́ 18,855 ́ ́
Leitender Offizier: Kapitän Martin Flesch
„Ad fontes!“ – Zu den Quellen!
Montag, 1.07.2024, neun Uhr morgens. Die Mannschaft dieser Expedition, der Geschichts-Lk von Herrn Flesch, findet sich nach vereinzelten Schwierigkeiten auf dem Bauhof der Universität Trier ein und trifft dort nicht nur auf ihren Kapitän, sondern auch auf Prof. Dr. Christoph Schäfer, einen der führenden Experten im Bereich antiker Schifffahrt und der Vermittlung historischen Wissens durch multimediale Lehrmittel.
Er ist hier, um uns sein Projekt der letzten Jahre zu zeigen: Die „Bissula“, ein auf archäologischen Funden basierend rekonstruiertes römisches Handelsschiff.
Er öffnet so die Tür zu einem Teil der Geschichtsforschung, der den Schülerinnen bis jetzt verborgen war. Wir betreten den Bauhof. Alles riecht nach Holz und Harz und der Boden ist übersäht mit Sägespänen. Sofort fällt der Blick auf die beiden Holzschiffe auf der linken Seite des Raumes. Unter anderem ein Modell der Bissula in kleinerem Maßstab, erklärt uns Prof. Schäfer – für Tests im Wellenkanal und heute als Anschauungsobjekt zum besseren Verständnis.
Er führt uns hinüber und erklärt dabei den Verlauf des Projektes: Von der Entdeckung des Schiffswrackes vor Marseille, über die Rekonstruktion, teils mit historisch authentischen Techniken und Werkzeugen, bis hin zur Testfahrt vor Cannes auf dem Mittelmeer.
Er zeigt uns die Ruder und Masten für das richtige Schiff, die an der Wand lehnen und macht uns darauf aufmerksam, dass im gesamten Rumpf des Schiffs kein einziger Nagel verbaut ist. In jedem einzelnen Wort schwingt eine unfassbare, ansteckende Begeisterung mit, die klarmacht: Dieser Mann liebt, was er tut.
Nachdem er uns das Schiff und dessen Baugeschichte erklärt hat, machen wir uns auf den Weg zurück zum Campus und betreten nun einen Teil des Geschichtstrakts der Universität. Die Gänge sind voller Glasvitrinen mit historischen Überbleibseln und Ausgrabungsstücken.
Wir bekommen eine Führung durch die archäologische Sammlung von deren Leiterin Dr. phil. Aura Piccioni. Jahrtausende an Geschichte sind an den Wänden aufgereiht – Piccioni kann zu jedem einzelnen Stück eine Geschichte erzählen, spricht begeistert von Trier und dessen historischen Wert und das, obwohl sie aus Rom kommt. Es scheint surreal.
Trier ist doch nur Trier. Vielleicht braucht es Menschen von außerhalb um zu sehen, wie viel besondere Geschichte direkt vor unserer Haustür liegt. Doch das Staunen geht noch weiter.
Als nächstes erhalten wir von Prof. Dr. Patrick Reinard einen Einblick in die Papyrologie, einem Fachbereich der Geschichte, über den viel zu wenig gesprochen wird. Allein solche Texte anzuschauen geschweige denn in der Hand zu halten fühlt sich fast verboten an und das, obwohl sie unter Plexiglas sind. Es öffnet uns ein Fenster in eine Zeit, die so fern und anders von der unsrigen ist, dass sie beinahe märchenhaft erscheint.
Zu guter Letzt liegt der Fokus nochmals auf der „Bissula“: Prof. Schäfer zeigt uns, wie die gewonnenen Messwerte des Projektes nun eigentlich genutzt werden und erklärt uns die Programme, die zur Verarbeitung genutzt werden.
Er beendet den Tag mit einigen Videos von der Mittelmeerfahrt der „Bissula“ sowie einigen Anekdoten, die zuweilen filmreif klingen. Hätte er uns in diesem Moment das Einschreibungsformular für Geschichte in Trier vorgelegt, dann hätte sicherlich mehr als nur eine von uns mit Freuden unterschrieben.
Logbucheintrag vom 05.09.2024 (Greta Jansen)
Zeitzone: GMT+2
Koordinaten: 49,72660° N, 6,61787° O
Leitender Offizier: Kapitän Martin Flesch
„Hurra, wir sind ein Segelschiff!“
Ein vernebelter Donnerstagmorgen im September. Das Einzige, was diese frühherbstliche Stimmung im Trierer Wasserbau- und Schifffahrtsamt durchbricht, sind die strahlend aufgeregten Gesichter des 11-köpfigen Geschichts-LKs, natürlich inklusive des ebenso gespannten Kursleiters Herr Flesch.
Ihre Aussicht? Die „Bissula“, ein ca. 16 Meter langes, fünf Meter breites, 15 Meter hohes und acht Tonnen schweres, nachgebautes römisches Handelsschiff, dass zu seiner Zeit etwa 25 Tonnen Fracht transportieren konnte. Doch an ebendiesem vernebelten Donnerstagmorgen im September transportiert es uns, den Geschichts-LK der Jahrgangsstufe 12 des Bischöflichen Angela Merici-Gymnasiums.
Und nicht nur das: Während unser Exkursion auf der „Bissula“ (benannt nach der Alemannin, die der Überlieferung nach durch den Mosel-Dichter Ausonius aus Liebe freigelassen wurde) ist unsere Mithilfe gefragt! Ausgestattet mit Schwimmwesten und unseren Proviantrucksäcken werden wir von der fachkundigen Schiffscrew über die Sicherheitsbestimmungen auf dem Schiff belehrt und wagen anschließend den Gang auf das im Hafen liegende Schiff. Begleitet werden wir nicht nur von der Crew, sondern auch von Herrn Kasel, einem Mitarbeiter in der Verwaltung der Universität Trier und dem Projektleiter, Professor Doktor Schäfer.
Nachdem sich alle an ihren zugeteilten Plätzen befinden, schippern wir auch schon, auf untypisch römische Art, mit Motorkraft aus dem Hafen. Dieser Motor sei Pflicht, sonst dürften sie nicht dort ein- und ausfahren, erklärt Schäfer. Doch nachdem wir die Hafenausfahrt passiert und uns auf offener See, beziehungsweise Mosel befinden, wird ebendieser Motor auch wieder ausgestellt und die gesamte Schiffscrew jubelt: „Hurra, wir sind ein Segelschiff!“
Grund zum Jubeln ist dies tatsächlich, denn das Schiff, ein originalgetreuer Nachbau eines römischen Frachtschiffs, basierend auf Plänen eines in Südfrankreich gefundenen Wracks, fährt nun gegen die Strömung mit ca. drei Knoten – allein durch die Kraft des Windes.
Der Nachbau dauerte zwei Jahre, zehn Eichen, 13 Kiefern und zwei Weißtannen wurden für dessen Bau gefällt, 80 Studierende halfen. Die Begeisterung ist bei der Crew auch heute immer noch zu spüren, als wir auf der Mosel entlangsegeln. Und nicht nur bei der Crew:
Während wir den seichten Fahrtwind spüren, winken uns von den Gehwegen Menschen zu, halten mit Fahrrädern an, machen Fotos, freuen sich. Das Interesse an der Geschichte scheint sowohl an Bord als auch am Ufer greifbar. Doch viele Hände zum zurückwinken haben wir nicht frei, schließlich müssen wir uns unseren Aufgaben als temporäre römische Seefahrende widmen.
Aufgeteilt auf Gordings, Schoten und Brassen müssen wir auf Kommando das Segel setzen und es passend zur herrschenden Windrichtung ausrichten. Nicht nur wir kommen dabei trotz tatkräftiger Unterstützung durch die Crew ins Schwitzen, sondern auch Herr Flesch, der eines der beiden Ruder zum Steuern zugewiesen bekommt.
Bereits während unserer Fahrt bemerken wir den interdisziplinären Charakter des Projektes, unter anderem die Bereiche Geschichte, Technik und Archäologie zu bündeln. Doch warum diese ungewöhnliche Art der (Geschichts-)Forschung? Wissenschaftler erhoffen sich Erkenntnisse bezüglich der Leistungsfähigkeit römischer Handelsschiffe, um Einblicke in den antiken Seehandel zu gewinnen. Die Ergebnisse des „Bissula-Projekts“ der Universität Trier in Verbindung mit der Hochschule Trier sind bahnbrechend: Mithilfe der gewonnenen Messdaten lassen sich, in Ergänzung zu den erhaltenen Schrift- und Bildquellen, nicht nur Segelcharakteristika und damit verbunden auch die vermeintlichen antiken Schiffsrouten glaubhaft rekonstruieren.
Mindestens ebenso faszinierend ist der Ansatz, dass Globalisierungsprozesse keine Erfindung der Neuzeit sind, sondern bereits in der Antike völlig selbstverständlich praktiziert wurden. Anhand der konkreten Messtechnologien und -ergebnisse wird uns dann erläutert, dass das Interesse an diesen Ergebnissen auch bei den Wirtschaftswissenschaften, der Verkehrsplanung und dem Umweltschutz groß ist und genutzt werden kann – Lernen aus der Geschichte.
Während wir weiterhin gemächlich mit zwei bis drei Knoten über die Mosel segeln, zeigt sich dann sogar noch die Sonne, die unser strahlendes Lächeln aber nicht übertreffen kann. Auch die Crew wirkt entspannt, vermutlich, weil sie schon in wildere Gewässer als die Mosel in See stach: Um genaue Messdaten unter maritimen Bedingungen zu erhalten, testete die Crew die „Bissula“ zwischen September und Oktober 2023 in der Bucht von Cannes im südfranzösischen Mittelmeer.
Während dies vermutlich das Highlight der Schiffs-Crew war, ist unser Highlight des Tages und bisher unserer ganzen Zeit im Geschichts-LK die Bootsfahrt auf der Mosel, während welcher wir uns unstrittig wie wahre römische Seefahrende fühlten. Geschichte wurde dadurch konkret greifbar.
Uns bleibt noch ein großes „Gratias agimus!“ zu sagen. Danke an Professor Doktor Schäfer, danke an die gesamte Schiffscrew und danke an jeden, der dazu beigetragen hat, dass diese Exkursion vorerst durch keine weitere Geschichtsexkursion mehr zu übertrumpfen ist.